„Mach‘ nur Geschäfte, die dich nachts schlafen lassen.“

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Lindner, Gohl, Grupp
Das Interesse an der Veranstaltungsreihe „Liberales Dialogforum“ der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit mit Christian Lindner, Bundesvorsitzender FDP, ist ungebrochen hoch. 180 Gäste wollten mit Linder und dessen Podiumspartner, dem Inhaber des T-Shirt-Herstellers Trigema, Wolfgang Grupp, ins Gespräch über „Soziale Marktwirtschaft und Gerechtigkeit“ kommen. Den Dialog moderierte Christopher Gohl, Weltethos-Institut an der Universität Tübingen.

 

Morlok
Das große Interesse am Thema liegt offenbar in dessen polarisierender Kraft begründet, wie Professor Jürgen Morlok in seinen einführenden Worten sagte: Der Kuratoriumsvorsitzende der Stiftung sprach von einer grundlegenden Skepsis gegenüber einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung: „Viele Menschen können mit dem Thema der Freiheit, gerade in Wohlfahrtsgesellschaften, nicht viel anfangen. Sie nehmen gerne ihre Vorteile an, beantworten ihre Anforderungen aber mit einem Achselzucken.“

Christian Lindner schloss sich Morloks Auffassung an, dass das Thema „Soziale Marktwirtschaft und Gerechtigkeit“ den Kern gesellschaftspolitischer Diskussionen treffen würde, die nicht nur die Liberalen gegenwärtig zu führen haben. Vielen sei jedoch nicht bewusst, dass der wirtschaftliche Erfolg und die politische wie soziale Stabilität Deutschlands auf der sozialen Marktwirtschaft beruhen: „Der Wohlstand muss auf den Weltmärkten erwirtschaftet werden, damit er dann schließlich in Deutschland verteilt werden kann.“

 

Das Publikum in Stuttgart Im anschließenden Dialog war die Frage nach unternehmerischer Moral und Verantwortung zentral. „Wir brauchen die Verantwortung und die Haftung zurück und da sind wir Unternehmer als Erste gefragt. Ich habe nur eine Firma, und ich hafte mit allem was ich habe. Und weil ich das weiß, sind meine Größenwahn und meine Gier von vorneherein an der Kandare“, sagte Grupp und forderte weiter: „Es kann einer zocken und spielen wie er will, nur muss er die Zeche selber zahlen.“

Lindner wollte den Begriff der Verantwortung nicht allein auf die rechtlich definierte Haftung beschränken, da längst nicht alles, was erlaubt wäre, auch verantwortbar und legitim sei. Haftung allein als natürliche Risikobremse reiche nicht aus: „Ich wünsche mir eine Mentalität ehrlicher Kaufmannschaft zurück. So wie der alte Buddenbrock gesagt hat: ‚Mach nur die Geschäfte, die dich nachts schlafen lassen.‘ Man braucht einen Grund, der vor Gemeinwohl, vor gesundem Menschenverstand, religiösem Gefühl standhält. Alles andere ist Willkür, was man auch öffentlich kritisieren muss.“

 

Grupp
Unterschiedliche Perspektiven hatten die Dialogpartner auf die Notwendigkeit unternehmerischen Wachstums. Grupp gab sich überzeugt, dass der Bedarf an T-Shirts in Deutschland, wenn nicht gar in Europa, gedeckt sei. So habe er sich gegen die Erhöhung der Stückzahlen und Kapazitätenerweiterung und für Innovationen und höherwertige Produkte entschieden: „Es darf eben nicht so sein, dass ich als Unternehmen heute wachse, morgen tausend Leute entlasse, morgen wieder wachse und übermorgen wieder Tausende entlasse. Das haben unsere Mitmenschen nicht verdient. Wir müssen in der richtigen Branche kontinuierlich wachsen und die Leute, die zwanzig, dreißig Jahre ihre Pflicht getan haben, mitnehmen.“

 

Lindner
Lindner wollte Grupps Äußerungen nicht als Plädoyer für einen Zeitgeist der Wachstumsskepsis verstanden wissen. Mit Blick auf den demografischen Wandel betonte er, wie notwendig gesellschaftliches und wirtschaftliches Wachstum sei. Doch Lindner formulierte auch klar die Konsequenzen: „ Wenn es die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit eines Unternehmens nicht hergibt, müssen Arbeitskräfte entlassen werden.“ Dem setzte Grupp sein Verständnis unternehmerischer Verantwortung entgegen: „Meine Aufgabe als Unternehmer ist es, den Wandel der Zeit zu erkennen, den Markt zu beobachten und rechtzeitig auf Veränderungen zu reagieren. Dann muss ich auch keine Leute entlassen.“

Bevor es in die offene Diskussion mit dem Publikum ging, würdigte Lindner Wolfgang Grupps „gewaltige unternehmerischer Leistung“: „Grupp versteht Unternehmertum als eine Art Samurai-Kampfsport. Das zeigt, dass man diese Tugenden der sozialen Marktwirtschaft nicht nur nüchtern vortragen kann, sondern auch mit der Vibration einer Leidenschaft. Mir fehlen solche Köpfe in der Wirtschaft. Jeder, der nicht unterlässt, sondern anpackt, ist ein Unternehmer, und davon brauchen wir mehr vom Modell Grupp mit Verantwortung und kantiger Meinung.“ Auch sah Lindner den Staat in der Verantwortung: „Die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen, damit Persönlichkeiten wie Sie, Herr Grupp, den unternehmerischen Erfolg in Freiheit suchen können.“

 

Doris Bergmann, Redaktion der Freiheit

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Autor:Marius Livschütz