„Sich um die Menschen kümmern“

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„Sich um die Menschen kümmern!“ Das bezeichnete Jürgen Morlok als die herausragende Eigenschaft von Gertrud Stihler, die für ihre Verdienste in der Kommunalpolitik am Dienstag Abend in Karlsruhe mit der „Reinhold-Maier-Nadel“ ausgezeichnet wurde. Die gleichnamige liberale Landesstiftung, für die der bekannte FDP-Politiker im Verwaltungsrat sitzt, zeichnet damit Frauen und Männer aus, die sich in besonderer Weise auf kommunaler Ebene verdient gemacht haben. Morlok bezeichnete dies als „Graswurzeldemokratie im besten Sinne Reinhold Maiers“, der als erster Ministerpräsident von Baden-Württemberg die Politik „von unten nach oben“ förderte, denn: „die in der großen Politik oft als klein empfundenen Dinge sind in Wirklichkeit die großen Sorgen einer großen Mehrzahl von Menschen“, wie er Maier zitierte.

Bei der Veranstaltung im Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) waren mehr als achtzig Gäste gekommen. In die Schar der Gratulanten reihten sich auch Rita Fromm als ehemalige Fraktionsvorsitzende der FDP-Fraktion im Karlsruher Gemeinderat und Iris Sardarabady als Leiterin des Begegnungszentrums ein. Sie würdigten das Schaffen der 1939 geborenen Theologin und Pfarrerin als „Engagement, das in Karlsruhe bis heute wirkt“, so Fromm. Stihler gehört zu den Initiatorinnen des Karlsruher Frauenhauses und des Vereins „Freunde für Fremde“, der sich für Flüchtlinge und Ausländer in Karlsruhe einsetzt.

Die Laudatio auf die engagierte Kommunalpolitikerin hielt der ehemalige Karlsruher Bürgermeister Ullrich Eidenmüller, der Stihler auch als kämpferische FDP-Gemeinderätin in ihrer zehnjährigen Amtszeit in der Residenzstadt kennengelernt hat. „Verantwortung für die Schwächeren in der Gesellschaft“ präge ihr Leben. Dies hätte sie nicht nur politisch im Gemeinderat, sondern auch mit konkreten Taten gezeigt. Er nannte dabei die Gründung der Frauenberatungsstelle und des Frauenhauses in Karlsruhe zu einer Zeit, in der Zoten über misshandelte Frauen und Kinder „an Stammtischen und im Fernsehen noch Gang und Gäbe waren“, wie sich Eidenmüller erinnert. Nach der Etablierung des Frauenhauses wendete sie sich dann einem anderen gesellschaftlichen Schwerpunkt zu: den Flüchtlingen und Fremden in der Gesellschaft.

Hier erinnerte Eidenmüller an das Flüchtlingsdrama vor der Mittelmeerinsel Lampedusa, das zeige, wie sehr die Ablehnung dieser Not leidenden Menschen in der Bevölkerung mittlerweile schrumpfe: „Dies ist ein Weg, den Menschen wie Gertrud Stihler vorzeichnen und den die Gesellschaft geht.“ Eidenmüller bezeichnete Stihler als „kritisches Mitglied der FDP seit über 40 Jahren“. Er hob die mutigen Gedanken hervor, die sie bei den Liberalen verkörpere und schlug eine Brücke zur nun notwendigen Erneuerung der liberalen Partei in Deutschland, die solche mutigen Mitglieder nun dringend brauche. „Mir geht es gesundheitlich gut. Ich kann noch ein bisschen die Leute ärgern“, zitierte Eidenmüller die Ausgezeichnete und forderte sie auf: „Tu das!“

In ihrem Dank für die Ehrung schloss Stihler die Organisationen ein, für die sie sich ebenfalls weiterhin einsetze. Sie stehe auch in Zukunft für eine fortschrittliche Frauenpolitik in der FDP und der Politik generell und für „unbürokratische Hilfe dort, wo Fremden geholfen werden muss.“ Ehrenamtliche Arbeit sei ein gesellschaftlich notwendiger Luxus, den sie sich leiste. Zugleich warnte sie davor, mit dieser ehrenamtlichen Arbeit den Rückzug des Staates aus wichtigen sozialen Aufgaben zu kaschieren. „Ich werde auch weiterhin dickköpfig sein, wenn dies notwendig ist“, so Stihler.

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Autor:Marius Livschütz