„Die Diktatur ist immer eine Gefahr für die Freiheit jedes einzelnen“

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Gespräch zwischen Landesrabbiner Joel Berger und dem liberalen Euopa-Abgeordneten Michael Theurer in Stuttgart

Im Mai vor 70 Jahren endete mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Truppen der Zweite Weltkrieg in Europa. Mit ihm endete das mörderische und menschenverachtende NS-System, das aus Deutschland mit Krieg und Gewalt auf den Kontinent gebracht wurde. Anlass genug für die liberale Reinhold-Maier-Stiftung in Baden-Württemberg, um dazu einen Abend den Betrachtungen über die Shoah, die Gesellschaft und die Situation sowie die Herausforderungen im heutigen Europa zu widmen.

Theurer (li.), Berger (re.)

Theurer (li.), Berger (re.)

Dazu war es der Stiftung gelungen, zwei Gesprächspartner einzuladen: der landesweit vielen Radiohörerinnen und –hörern bekannte ehemalige Landesrabbiner Joel Berger und der Europaabgeordnete und Landesvorsitzende der Freien Demokraten, Michael Theurer.

Anti-demokratische Herrschaftsform der Orbán-Regierung als größte historische Zäsur in Ungarn seit dem 2. Weltkrieg

Bereits zu Beginn stellte Theurer die wichtige Frage, in welcher Sprache der Krieg und das NS-System mit millionenfachem Leid der heutigen jungen Generation nahegebracht werden könnte. „Die Generation der Zeitzeugen wird weniger, wir müssen alles tun, um die Erinnerung daran wachzuhalten“, so der ehemalige Oberbürgermeister. Joel Berger stimmte ihm zu und führte aus, dass der persönlich prägende Eindruck für ihn weniger das Ende der deutschen Besatzungsherrschaft in seinem Geburtsland Ungarn gewesen sei, als das Bewusstsein, nach der kommunistischen Machtergreifung in Ungarn wieder in eine undemokratische Herrschaftsform geraten zu sein. „Die Diktatur ist für die Freiheit des einzelnen in jeder Form eine Gefahr“, so der 78jährige Buchautor.

Als sich der „Mantel des Schweigens“ über Deutschland legte

Berger

Berger

Die nach dem Zweiten Weltkrieg in der deutschen Gesellschaft aufgekommene Frage der Täter und Opfer beschäftigt Michael Theurer während seiner gesamten politischen Laufbahn. Aus eigener Erfahrung berichtete er vom „Mantel des Schweigens“, der sich nicht nur im heutigen Horber Stadtteil Rexingen mit einem ehemals großen Anteil an jüdischer Bevölkerung gelegt hätte. Aus Erzählungen weiß er, dass die damalige Bevölkerung die Verhaftung und Abtransport der Juden wohl mitbekommen hätte. So wurde er Initiator eines Gedenkvereins, der die Tradition der dortigen Synagoge wach halten will. Von problematischen Begegnungen mit Horber Einwohnern, die sich erst Jahrzehnte später der Geschichte gestellt hatten. Dass viele Fragen immer wieder aufkommen würden, bestätigte auch Joel Berger und dies nicht nur angesichts immer noch aufkommender Dokumente über NS-Verbrechen. Er schildert seine Probleme mit dem von Hannah Arendt angesichts des Prozesses über Adolf Eichmann, der für den massenhaften Abtransport der Juden aus Ungarn zuständig gewesen war. „Viele Lebenswege in ganz Europa wurden mit Beginn des Zweiten Weltkriegs beendet“, so der ehemalige Landesrabbiner und hinterfragte den von Arendt geprägten Begriff der „Banalität des Bösen“ angesichts dieser vielen tragischen Schicksale. Er rief zur Aufmerksamkeit gegenüber Minoritäten in allen Ländern und unter allen Regierungen auf.

Theurer

Theurer

Dies stellte die Überleitung zum heutigen Europa dar. Michael Theurer berichtete aus dem Europäischen Parlament von vielen extremistischen Parteien, die dort für Geschichtsfälschungen, Fundamentalismus und Ressentiments gegenüber Minderheiten stehen würden. Jeder und jede dort sei aufgerufen, die Stimme zu erheben, wie es die liberale Fraktion immer wieder täte. „Nur zu sagen: Seid wachsam! wäre mir fast zu billig“, stellte allerdings Joel Berger fest. Er analysierte, dass Antisemitismus im Gegensatz zur Nazizeit heute nirgendwo mehr staatliches Programm sei. „Unbelehrbare und Ewiggestrige sitzen aber heute in den Parlamenten und rechnen sich mit rassistischer Ideologie Chancen aus“, so der erfahrene Dozent für Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen. Insbesondere in Ungarn sieht er politische Parteien am Werk, die mit totalitären und offen ausländerfeindlichen Thesen Erfolge feiern würden. Die Lehre aus Nationalsozialismus und Krieg sei für ihn aber, dass es gerade in einem demokratischen Europa keine undemokratischen Kräfte geben dürfte, die sich dieses offene System zu Nutze machten. Dies sei in Deutschland die Lehre aus der Weimarer Republik und sollte der EU als Warnung dienen.

Häme gegen demokratische Institutionen stärkt die radikalen Ränder

Michael Theurer berichtete aus seinen Erfahrungen im Europäischen Parlament und auch davon, dass die liberale Fraktion dort schon zwei Mal den Antrag gestellt hätte, ungarischen Abgeordneten aufgrund inakzeptabler rassistischer Maßnahmen und Äußerungen das Stimmrecht zu entziehen. Aber auch in Deutschland beachte er mit Sorge eine zunehmende Häme gegen die Demokratie. „Das kann schlimme Folgen haben: Wenn die Demokraten zu Hause bleiben, kommt eine Diktatur“, so Theurer. Mit Sorge bemerke er die zunehmend wachsenden radikalen Ränder im Europäischen Parlament. „Die Kritik an der Ordnung in der Europäischen Union hat heutzutage eine bedenkliche Tonalität erreicht“, so der Parlamentarier.

In der lebendigen anschließenden Diskussion wurden viele Fragen nach Meinungsbildung und der europäischen Identität gestellt. Beide Gesprächsteilnehmer, Berger wie Theurer, zeigten sich überzeugt, dass das friedliche Europa ein Geschenk, aber keineswegs eine Selbstverständlichkeit sei. Heute müsste sich Europa vermehrt der internationalen Verantwortung stellen und dabei käme es sehr genau darauf an, mit welcher Stimme die Europäische Union sprechen könnte.

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Autor:Georg Mannsperger