Freiheit ermöglicht Chancen – Vortragsveranstaltung mit Dr. Wolfgang Gerhardt

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Philosophische und politische Perspektiven auf den Freiheitsbegriff

Ein begeisterndes Plädoyer für die Freiheit als globaler Wert bot die Veranstaltung „Impuls hautnah: Freiheit ermöglicht Chancen“ den Gästen im Weltethos-Institut in Tübingen. Mit viel Enthusiasmus und spürbarer persönlicher Überzeugung griffen die beiden Referenten Dr. Wolfgang Gerhardt, Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, und Prof. Dr. Claus Dierksmeier, Direktor des Weltethos-Instituts Tübingen, das Thema aus gesellschaftspolitischer, wirtschaftlicher und philosophischer Sicht auf: Warum ist Freiheit ein universeller Wert und die Grundlage für eine gerechte Gesellschaft? Schaffen wir die Freiheit ab, weil wir immer mehr nach Sicherheit streben? Und wie können wir aus Freiheit Chancen für uns und zukünftige Generationen gewinnen? Fazit: Freiheit – individuell verantwortet und global-gesellschaftlich gedacht – wird mehr denn je gebraucht.

Freiheit ist auch die Freiheit, sich selbst zu begrenzen

„Wir sind hier Freunde der Freiheit“, eröffnete Prof. Dr. Claus Dierksmeier seinen Vortrag und nahm die Zuhörer mit auf eine philosophische Gedankenreise. Anknüpfend an Hans Küngs Weltethos-Forschung erläuterte er die zentrale Bedeutung der Freiheit als „Gravitationspunkt“ in den Forschungen seines Instituts. Das Weltethos als Gesamtheit universeller Normen, welche die Menschheit über die Grenzen von Zeit und Raum verbinden, sei ohne Freiheit nicht denkbar, denn mit Zwang werde immer nur das Gegenteil erreicht. Freiheit sei keineswegs nur ein Begriff des Abendlandes, auch wenn sie beispielsweise von islamistischen Fundamentalisten abgelehnt werde. Diese nähmen ebenso Freiheit – im Sinne der Selbstbestimmung – in Anspruch, wenn sie die „westliche“ Freizügigkeit in der Lebensführung bekämpften. Als Philosoph beantwortete Dierksmeier die Frage, wie sich Freiheit in einer Gesellschaft umsetzen lasse, anhand eines Gedankens des Nobelpreisträgers Amartya Sen: Man stelle sich zwei Welten vor, eine mit einer bestimmten Anzahl an Freiheiten inklusive der Option, an Malaria zu erkranken. Die andere ohne diese Option, weil der Erreger erfolgreich ausgerottet werden konnte, dafür mit der Freiheit, ohne Angst vor einer Erkrankung leben zu können. In beiden Fällen eine identische Anzahl an Möglichkeiten, „aber qualitativ ein himmelweiter Unterschied“, so Dierksmeier. Qualitative Freiheit wolle keine unbegrenzten  Freiräume, sondern sinnvoll gestaltete. Gute, selbst auferlegte Regeln begrenzten zwar die Freiheit, ermöglichten aber Freiheit und gute Lebenschancen für alle. Die innere Logik der qualitativen Freiheit folge also nicht dem Prinzip „Je mehr, desto besser“, sondern, „Je besser, desto mehr“.

Die Freiheit im Fadenkreuz

Die Chancen, die eine freiheitliche Gesellschaftsordnung bietet, griff Dr. Wolfgang Gerhardt in seinem Impulsvortrag auf – ein Thema, das ihm sichtlich am Herzen liegt. Mit einem analytischen Blick aus langer politischer Erfahrung heraus konstatierte Gerhardt: „Die Freiheit gerät in Gefahr“, weil unsere Gesellschaft versucht, ihre Angst vor Sicherheits- und Statusverlust zu kompensieren, indem sie die Freiheit immer mehr beschneidet. Er bescheinigte der politischen Landschaft beispielsweise beim Thema Mindestlohn und Rente ein „verkürztes Gerechtigkeitsverständnis“, bei dem kurzfristige, (wahl-)taktische Überlegungen im Vordergrund stünden. Mit dem oft vorgeschobenen Argument der „Gerechtigkeitslücke“, die nicht selten eigenen Interessen diene, solle eine breit angelegte Verteilung mehr Gerechtigkeit im Sinne der Gleichheit schaffen. Doch dies seien „ungedeckte Schecks auf Kosten derer, die heute noch gar nicht wählen dürfen“, so Gerhardt weiter.  Mehr Mut, Zuversicht  und einen langen Atem wünscht er sich stattdessen von politischen Entscheidern: „Welche Stärke braucht man, um aus Risiken Chancen zu machen? Das ist die Kernfrage“. Eine freiheitliche Gesellschaft fordere den Einzelnen heraus und zwinge ihn, Verantwortung für seine Entscheidungen zu übernehmen, doch er stelle fest, dass eigenes Risiko in Deutschland „nicht mehrheitsfähig“ sei. Lieber werde ein Verantwortlicher haftbar gemacht oder ein Schuldiger gesucht. Auch im Hinblick auf die Außenpolitik fand Gerhardt klare Worte. Eine Statussicherheitspolitik finde keine passenden Worte für Regime, die Menschenrechte verletzen: „Freiheit ist für Liberale nicht verhandelbar“.

„Wettbewerb darf in Deutschland kein kontaminiertes Wort mehr sein“

Die anschließende Diskussionsrunde auf dem Podium, die von Dr. Christopher Gohl, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Weltethos-Institut, moderiert wurde, drehte sich um die Frage, warum dasProjekt der Freiheit“, die soziale Marktwirtschaft, in Verruf kommen konnte und wie diese Entwicklung umzukehren ist.  Gerhardt und Dierksmeier plädierten klar für eine ethische Fundierung der sozialen Marktwirtschaft. „Wettbewerb darf in Deutschland kein kontaminiertes Wort mehr sein“, so Gerhardt.  Der kulturelle Aufbau der Marktwirtschaft sei vernachlässigt worden, deshalb sei diese in Misskredit gekommen und in den Augen vieler Menschen nicht mehr glaubwürdig. Diese Entwicklung wieder auf gesunde Füße zu stellen, sei die Herausforderung  für Liberale. Dierksmeier betonte, es müsse heute nicht für die Marktwirtschaft geworben werden, wenn sie fair wäre, das heißt, Handlung und Haftung untrennbar zusammengehörten. Stattdessen würden Investmentbanker Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren. Es gelte also, sich als liberale Gesellschaft gegen die Übergriffigkeit der Wirtschaft zu wehren und ihr stattdessen zivilisatorische Grundregeln zu geben.

In seinem Schlusswort dankte Jochen Merkle, Leiter des Regionalbüros Stuttgart der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, den Referenten und brachte das Lebenschancen-Konzept Ralf Dahrendorfs in Erinnerung, der es als einen Auftrag ehrbarer Politik bezeichnete, „möglichst vielen Menschen möglichst viele Lebenschancen zu ermöglichen.“ Dies bedeute aber immer die Verbindung von Optionen, sogenannten Ligaturen: Wurzeln und Rückkopplungen des Einzelnen in die Gesellschaft.

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Autor:Georg Mannsperger