„Spectre“ – Ausflug in die Filmgeschichte

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Im neuesten James-Bond-Film, „Spectre“, wirkt alles alt bekannt und doch seltsam fremd – Regisseur Sam Mendes führt die Serie in eine völlig neue Richtung.

War „Skyfall“ noch ein Film, der den Leinwand-Mythos James Bond anlässlich von dessen 50-jährigem Jubiläum noch feierte, indem er ihn an seine Wurzeln zurückführte, nimmt ihn „Spectre“ förmlich auseinander. Alle sind sie da, die klassischen Elemente, doch jedes einzelne wirkt seltsam verfremdet, fast abstrakt wie in einem postmodernen Gemälde. Die Bond-Formel wird sektiert und ihre einzelnen Bestandteile werden dem Zuschauer wie in einer Ausstellungsvitrine vorgeführt.

Die theatralische Künstlichkeit dieser Inszenierung wird nirgends deutlicher als in der Szene, in der das riesige Hauptquartier des Bösewichts wie in alten Zeilen vollständig in die Luft gejagt wird. Waren das traditionell stets Orgien der Zerstörungslust, in deren Verlauf Bond sich durch eine Armee von Helfershelfern kämpfen musste, um – samt seiner in letzter Sekunde geretteten Gespielin – dem Chaos zu entrinnen, vollzieht sich der Vorgang nun geordnet und wohlorchestriert wie in einem Feuerwerk – während Bond und sein Mädchen es unbeteiligt wie ein ebensolches beobachten – als wollten sie uns sagen: „Auch wir sind nur Zuschauer! Glaubt nicht an die Illusion des Kinos!“  

Diesem Verfremdungseffekt muss sich auch die Filmmusik unterordnen. Hatten sich die meisten Komponisten in der Nachfolge des legendären Bond-Tonschöpfers John Barry noch an dessen opulent-orchestralen, getragenen Themen orientiert, greift Thomas Newman in „Spectre“ nun auf tiefdröhnende, von Percussion geprägte Cues zurück – was überrascht, wenn man seine melodisch-romantischen Scores aus Filmen wie „The Horse Whisperer“ oder „Phenomenon“ kennt, die eine konventionellere Bond-Komposition hätten erwarten lassen.

Der alles bestimmende Verfremdungseffekt ist nur konsequent angesichts einer Insenierungsweise, die eben gerade nicht dem exotischen Eskapismus dient, mit dem die Filme sonst meist punkteten, sondern zuweilen näher dran ist an der Stilistik britischer Sozialdramen in „Kitchen Sink“-Tradition als an den eingeübten Formen des Actionthrillers. In langen Dialogen werden die Beziehungen zwischen den Hauptfiguren aller vier Daniel-Craig-Filme analysiert, gedeutet und im Übrigen in einen durchaus stimmigen Zusammenhang gestellt.

Dem Regisseur Sam Mendes ist Respekt zu zollen, dass er den Mut besessen hat, die Franchise in eine so neue Richtung zu führen. Offenbar war ihm das dadurch möglich geworden, dass er mit dem Rekord-Kassenhit „Skyfall“ seine Pflicht zunächst erfüllt hatte. Liebhaber der „klassischen“ Bonds werden mit dieser neuen Machart ihre Probleme haben. Insbesondere der Humor und die Ironie, zwei konstituierende Elemente der Serie, kommen in der Düsternis von „Spectre“ zu kurz. Daniel Craigs Bond wirkt nicht nur, als würde er zum Lachen in den Keller gehen, sondern er ist auch kein Sympathieträger, da er Emotionen nicht vermittelt (was in seinem ersten Auftritt in „Casino Royale“ noch durchaus der Fall gewesen war).

Die Schluss-Szene, in der James Bond im silbernen Aston Martin zum unverkennbar jazzenden Originalthema von John Barry in Richtung Londoner City aufbricht, lässt erhoffen, dass es Craig in weiteren möglichen Filmen gelingen wird, an die minimalistische Schauspielkunst Sean Connerys anzuknüpfen, der es verstand, mit kleinsten Variationen an Gestik und Mimik ein Maximum an Emotionen auszudrücken – und zum Bond’schen Sympathieträger schlechthin wurde.

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Autor:Georg Mannsperger