„Grundsatzstark und lebensnah“ – Jürgen Morlok zum 70. Geburtstag

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70 Jahre und kein bisschen leise: Jürgen Morlok, einer der profiliertesten Liberalen des Landes, gestaltet auch 20 Jahre nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik die gesellschaftlichen Debatten weit über das liberale Stammland Baden-Württemberg hinaus mit. Anlässlich einer Festveranstaltung zu Ehren des Kuratoriumsvorsitzenden der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit blickten prominente Liberale auf seine langjährigen Verdienste zurück.

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Jürgen Morlok bei der Festveranstaltung in Karlsruhe

Im Jahr 1964 stieß Jürgen Morlok zur FDP – ein Jahr der aufregenden Modernisierungen, in dem man versuchte, Veränderungen in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft durchzusetzen, um den Mief der 50er Jahre abzuklopfen. Mit 27 Jahren bereits Landtagsabgeordneter in Baden-Württemberg, wurde er 1976 zum jüngsten Fraktionsvorsitzenden des Landtags gewählt.

Jürgen Morlok als aktiver Politiker


Der Senkrechtstarter

So erinnert sich auch der ehemalige Justizminister Ulrich Goll, Vorsitzender der Reinhold-Maier-Stiftung Baden-Württemberg, wie er Jürgen Morlok Anfang der 80er Jahre kennenlernte als „Senkrechtstarter“, als den „Star, der liberale Politik verkaufte wie kein Zweiter“. Angesichts der damaligen Großen Koalition in Baden-Württemberg sei Morlok möglicherweise mit der „babylonischen Wüste andauernder Opposition vor Augen“ dann schon frühzeitig von der Politik in die Wirtschaft gewechselt – was für die Südwestliberalen eine nicht zu füllende Lücke hinterlassen habe. Doch auch in seiner Funktion als Mitglied des Verwaltungsrats der Reinhold-Maier-Stiftung sei er dem Liberalismus immer treu geblieben.


Verteidiger des Rechtsstaats

Zuvor, von 1978 bis 1985, war Morlok Landesvorsitzender seiner Partei und hat damit entscheidend Verantwortung getragen in einer schwierigen Zeit, in der es auch darum ging, den Rechtsstaat gegen Bedrohungen von innen und außen zu verteidigen. Michael Theurer, gegenwärtiger Landesvorsitzender der Freien Demokraten, bedankte sich für das seinerzeit besonders durch Morlok artikulierte Bekenntnis zu einer Terrorismusbekämpfung mit rechtsstaatlichen Mitteln:

Der Rechtsstaat muss verteidigt werden, er darf nicht ausgehöhlt werden. Terrorismusbekämpfung ist notwendig, ja, sie ist möglich, aber sie gelingt am besten durch rechtsstaatliche Mittel.


Beständigkeit im Wandel – Grundrechte im Internetzeitalter

Diese Thematik griff auch Bundesverfassungsrichter Andreas Paulus in seinem Festvortrag zu Ehren Morloks in Karlsuhe auf. Er widmete sich darin der notwendigen Neudefinition der Grundrechte für das Internetzeitalter. Soziale Netzwerke wie Facebook verführen geradezu zu einer Vernachlässigung einer innerhalb eines globalen Netzwerks gebotenen Datensparsamkeit.

Dazu Andreas Paulus:

Wer Daten überall freigiebig preisgibt, der muss vielleicht auch davor geschützt werden, dass mit ihnen etwas geschieht, von dem er oder sie gar nichts weiß und gar nichts ahnt.

Die globale Natur des Internet verlange aber auch nach einer internationalen, zumindest aber europäischen Rechtsdurchsetzung, die momentan noch nicht gegeben sei.

Wenn die Grundrechtsgefährdungen globalisiert sind, dann müssen auch die Grundrechte aus ihrer nationalen Perspektive heraustreten, müssen europäisiert und auch internationalisiert werden. Da haben wir aber keine effektive Rechtsdurchsetzung, denn auch die europäischen Grundrechte werden vor allem national durchgesetzt. 

Trotz seiner überparteilichen Rolle als Bundesverfassungsrichter bekannte sich Paulus zu seiner politischen Herkunft bei den Jungen Liberalen und den Freien Demokraten. Die Politik von Jürgen Morlok, der von 1982 bis 1985 auch stellvertretender Bundesvorsitzender der FDP war, sei zu jeder Zeit grundsatzstark und lebensnah gewesen. „Solche Leute brauchten die Liberalen damals, solche Leute brauchen sie heute“, so Paulus weiter. Der Verlust, der durch das Ausscheiden Morloks aus der aktiven Politik entstanden sei, wäre durch sein langjähriges Wirken als Kuratoriumsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit mehr als ausgeglichen worden.

Sehen Sie hier ein Interview der Friedrich-Naumann-Stiftung mit Bundesverfassungsrichter Paulus:


Der Wissenschaftler

Auch Theurer betont den Wert, den Morloks Arbeit für die liberale Stiftung darstellt. Morlok, seit 2006 auch Professor an der Fakultät für Betriebswirtschaft und Management der Karlsruher Karlshochschule, habe als Wissenschaftler, der sich Meriten an der Universität erworben habe, immer die Verbindung zur Wissenschaft gesucht – ein für die Stiftung entscheidend wichtiger Asset.


„Ein älterer Bruder, ein Ratgeber über Parteigrenzen hinweg“

Günther Oettinger, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg von 2005 bis 2010, zuvor seit 1984 bereits Landtagsabgeordneter und heute EU-Kommissar für Digitalwirtschaft, fand in seiner Grußbotschaft sehr persönliche Worte:


Blick durch die Frontscheibe

Wolfgang Gerhardt, Vorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, möchte statt einer reinen Vergangenheitsbetrachtung lieber „den Blick durch die Frontscheibe werfen“: Darauf, was man denn in der Zusammenarbeit mit Jürgen Morlok in der liberalen Stiftung zukünftig noch vor hätte.

Das Kernthema unserer Stiftung ist, einer freiheitlichen Gesellschaft wieder persönliche Verantwortung und die Zusammengehörigkeit von Risiko und Haftung zu geben.

Wolfgang Gerhardt

Der Auftrag der Stiftung, von Friedrich Naumann und Theodor Heuss formuliert als Institution zur Vermittlung von Wissen über die parlamentarischen Systeme des Westens, sei heute noch längst nicht erfüllt. Bürgerinnen und Bürger müssten heute wieder vertraut gemacht werden mit den Kerngesichtspunkten, mit denen die Bundesrepublik aus ihrer größten Katastrophe herausgekommen sei. Das sei zum Einen der Rechtsstaat und zum Anderen die Marktwirtschaft, so wie sie von Jürgen Morlok vertreten werde.


Einsatz für liberale Werte – national und international

Seit 1981 ist Jürgen Morlok Mitglied des Kuratorims der Stiftung für die Freiheit, seit 1996 dessen Vorsitzender. In seiner Replik betonte Jürgen Morlok, dass es ihm immer besondere Freude gemacht hätte, sich im In- und Ausland für die Werte einzusetzen, die durch die Stiftung verkörpert werden: Freiheit in Verantwortung, Marktwirtschaft, Rechtsstaat, Menschenrechte, Schutz der Minderheiten, religiöse Freiheiten und Frieden.

Frieden und Freiheit in Europa seit 70 Jahren – das ist eigentlich das größte Geschenk, das meiner Generation gemacht wurde – und zwar all denen, die, wie ich, 1945 und später geboren worden sind.


Interview der Friedrich-Naumann-Stiftung mit Jürgen Morlok zu den Zukunftsherausforderungen der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit:

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Autor:Georg Mannsperger