The Hateful Eight – Quentin Tarantinos Gewaltphantasie als Kommentar zur amerikanischen Politik

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Der Western ist im gegenwärtigen Kino nicht mehr die trockene Prärie, sondern eine Wüstenei anderer Art: Schon in „The Revenant“ durchstreifte ein tot geglaubter Trapper endlose Eiswelten und Gebirgsgegenden auf der Suche nach wirtlicheren Gefilden. Erstarrte, schneeumtoste, menschenfeindliche Landschaften sind offenbar eine Entsprechung einer emotional erkalteten gesellschaftlichen Stimmung in den USA.

So ist es auch in „The Hateful Eight“ die Abgeschlossenheit eines Schneesturms auf dem Berge, durch die sich eine scheinbar zufällig zusammengewürfelte Gruppe von Reisenden in einem einsam gelegenen Miederwarengschäft – Durchreisestation für Postkutschen auf dem Weg zum nächstgelegenen Ort „Red Rock“ – auf engstem Raum arrangieren müssen. Schon in John Fords Klassiker „Stagecoach“ aus dem Jahr 1939 war es ein Mikrokosmos der amerikanischen Gesellschaft, dessen Vertreter, gemeinsam in einer Zwangslage festsitzend, soziale Spannungen untereinander austragen.

Die Bezüge in Quentin Tarantinos neuestem Film zu seinem Vorbild sind eindeutig. John Ford hatte für die sozial an den Rand gedrängten Figuren seines Films – den vom jungen John Wayne gespielten entlaufenen Sträfling Ringo und die Prostituierte Dallas, die von Tugendwächtern aus ihrem Wohnort vertrieben worden war – noch eine Chance zum Neubeginn außerhalb der amerikanischen Gesellschaft gesehen: Ringo erhält vom Sheriff entgegen aller rechtlichen Normen die Gelegenheit zur Selbstjustiz durch Rache am Mörder seines Vaters und Bruders und schließlich zur Flucht mit Dallas über die Grenze nach Mexiko.

Quentin Tarantino dagegen schildert in seinem Film eine völlig aus den Fugen geratene Gesellschaft, die nur noch zur Selbstzerstörung fähig ist. Nachdem die Figuren des rund dreistündigen Films sich lange argwöhnisch gegenseitig belauern, explodiert – Tarantino-typisch – die Gewalt am Schluss. Es ist schließlich nur noch das Töten um seiner selbst willen, das die Menschen am Leben erhält.

Der Film kann durchaus als Kommentar gelesen werden auf die zunehmend radikalisierten Auftritte amerikanischer Politiker: Der derzeit laufende Vorwahlkampf um die Nachfolge von US-Präsident Obama lässt Terrorismus-Angst und Fremdenfeindlichkeit zu gnadenlosen Gewalt-Parolen gerinnen, die der amerikanischen Verfassung und der damit verbundenen freiheitlich-liberalen Grundordnung Hohn sprechen. Noch vor Jahresfrist wären Aussagen wie die von Donald Trump oder Ted Cruz, beispielsweise zugunsten der Erweiterung des Gefangenenlagers Guantanamo und zur Wiedereinführung von Waterboarding oder noch schlimmeren Foltermethoden, als Auswüchse radikaler Randgruppen abgetan worden – jetzt drohen sie, den Mainstream zu erreichen. Und, wie in Tarantinos Film, alle ethisch-moralischen Grundlagen förmlich zu zerfleischen.

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Autor:Georg Mannsperger