Exemplarische Vertreter eines liberalen Habitus: Freiburger Tagung zu Karl von Rotteck und Karl Theodor Welcker

Kategorien: Berichte

Als liberales und demokratisches Gedankengut in Deutschland noch einen schweren Stand hatte, galt das Großherzogtum Baden im 19. Jahrhundert aufgrund seiner Verfassung als „Musterland“, in dem liberale Professoren, Politiker und Publizisten wie Karl von Rotteck (1775-1840) und Karl Theodor Welcker (1790-1869) wirken konnten. Eine gemeinsam vom Archiv des Liberalismus und der Reinhold-Maier-Stiftung ausgerichtete Tagung befasste sich in Freiburg mit der Frage, welche Bedeutung Rotteck und Welcker für die deutsche Liberalismus-Geschichte haben und was sie auszeichnete.

DProf. Jörn Leonhard bei seinem Freiburger Vortragie geladenen Experten näherten sich dieser Fragestellung auf unterschiedliche Weise. Den abendlichen Festvortrag hielt der Freiburger Lehrstuhlinhaber für Neuere und Neueste Geschichte Westeuropas, Jörn Leonhard. Er fragte zum einen nach den Erfahrungen und Erwartungen des Vormärzliberalismus und unternahm zum anderen eine konsequente historische Kontextualisierung von Rotteck und Welcker. Leonhard betonte vor allem, dass der Liberalismus vor 1848 mehr als nur eine politische Richtung, sondern vielmehr ein Habitus gewesen sei. Die beiden Freiburger Hochschullehrer seien geradezu exemplarische Vertreter dieser Denkhaltung.

Bei der Spaltung der liberalen Bewegung in Gemäßigte und Radikale nach dem Hambacher Fest 1832 habe es sich auch um einen Generationenkonflikt gehandelt, bei dem unterschiedliche Sozialisierungserfahrungen eine entscheidende Rolle gespielt hätten. Reformhoffnung und Revolutionsfurcht seien im Vormärz Motoren der Veränderung gewesen, und Besitz und Bildung hätten für die Liberalen Inklusions- und Exklusionskriterien gegenüber anderen Gesellschaftsschichten dargestellt. Nach 1848 sei das Deutungsmonopol der Liberalen allerdings erodiert.

Das „Staats-Lexikon“: Früher Bestseller des Liberalismus

rotteck_welcker_buehne.Hans-Peter Becht (Stuttgart) wählte einen biographischen Ansatz und stellte Leben und Wirken Rottecks und Welckers in Grundzügen vor, wobei dem Wirkungsort Freiburg eine besondere Bedeutung zukam. Die Foren, derer sich Rotteck und Welcker bedienten, Presse und Parlament, hätten – so Ewald Grothe, Leiter des Archiv des Liberalismus in Gummersbach – in Zeiten rigider Zensur zu den wenigen „Inseln der Freiheit“ gezählt. Und das „Staats-Lexikon“, das beide herausgaben, sei die „Bibel“ des deutschen Frühliberalismus gewesen und habe als „Komplementär“ der politischen Praxis gedient. Becht betonte, dass Karl von Rotteck eher ein professoraler Politiker als ein „politischer Professor“ gewesen sei. Er sei kein Volksheld gewesen, sondern als Dogmatiker und „Parteipolitiker“ zur Zielscheibe der Regierung geworden. Als Politikertyp sei er nach 1850 nicht mehr gefragt gewesen.

 

Helga Albrecht (Mannheim) stellte das „Staats-Lexikon“ näher vor, jene „Encyklopädie der sämmtlichen Staatswissenschaften“, durch die Rotteck und Welcker noch bekannter wurden, als sie es schon vor Mitte der 1830er Jahre waren. Mit dem vor 1848 in zwei Auflagen und 15 bzw. 12 Bänden erschienenen Hauptwerk der liberalen Staatstheorie hätten sie ein „Instrument der politischen Bildung“ geschaffen, das als Grundlage des liberalen-konstitutionellen Diskurses im Vormärz gedient habe. In der zweiten Auflage nach Rottecks Tod habe Welcker neben den gemäßigt liberalen zahlreiche demokratisch-republikanische Autoren engagiert.

Vernunftrecht und Rechtshistorie

Rainer Schöttle (Neufinsing) setze sich in seinem Beitrag mit dem Staatsverständnis Rottecks und Welckers auseinander. Der Vernunftrechtler Rotteck habe eine Rechtsphilosophie entwickelt, die eng an die Werke Montesquieus und Kants anknüpfte. Viel populärer als die Rechtstheorie sei allerdings seine politische Geschichtsschreibung gewesen. Welcker habe stärker rechtshistorisch argumentiert und sei dabei bis zu den germanischen Freiheitsrechten zurückgegangen.

Eva Maria Werner (Frankfurt a.M./Innsbruck) befasste sich mit Welcker als Politiker und Parlamentarier in der Revolution von 1848/49. Hier hätten schon die Zeitgenossen ebenso wie die Historiker dem Freiburger Professor einen zweifachen Seitenwechsel vorgeworfen. Nachdem er sich im März 1848 als Bundestagsgesandter Badens für die Regierungspolitik habe instrumentalisieren lassen, sei er fast genau ein Jahr später mit der Wendung vom Fürsprecher des großdeutschen zum Befürworter des kleindeutschen Kaisertums unter preußischer Führung endgültig zum Feind der Republikaner geworden. Werner stellte heraus, dass es bei Welckers erster Entscheidung um die Möglichkeit zur Mitgestaltung der Politik gegangen sei, während es sich bei der zweiten um einen realpolitisch-pragmatischen Entschluss gehandelt habe, dem freilich die „Wirkung einer zerplatzenden Bombe“ zugekommen sei.

Meinungsführer von deutschlandweiter Bedeutung

In seinem Abschlussvortrag stellte Ewald Grothe die neben dem Antrag auf Pressefreiheit zweite berühmte Motion Welckers im badischen Landtag vom Oktober 1831 in den Mittelpunkt. Die Bedeutung dieses Antrags habe vor allem darin gelegen, die Frage der Bundesreform auf die Bühne der Politik gebracht zu haben, womit Welcker deutschlandweites Aufsehen in Presse und Öffentlichkeit erregte. Die inhaltliche Debatte über die Bundesreform konnte allerdings nach den reaktionären Bundesbeschlüssen Mitte und Ende 1832 nicht weitergeführt werden.

In der Abschlussdiskussion wurde nochmals deutlich, dass Karl von Rotteck und Karl Theodor Welcker zu den einflussreichsten Politikern und Publizisten des Vormärz zählen. Als gemäßigte Liberale vor 1848 waren sie trotz mancher Defizite ihrer jeweiligen Staatstheorie ausgesprochene Meinungsführer, die vor allem durch ihr politisches und publizistisches Netzwerk mit hoher öffentlicher Wirksamkeit agierten. Die Vorträge werden, ergänzt durch weitere Beiträge, in einem Konferenzband veröffentlicht.

 

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Autor:Georg Mannsperger