Islam und Liberalismus – Ansätze für einen Dialog

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Bei einem Vortrags- und Diskussionsabend in Stuttgart zum „Spannungsverhältnis“ von Islam und Liberalismus wurden die Möglichkeiten und Grenzen einer durch Religion und Verantwortung geprägten gesellschaftlichen Wertebasis erläutert.

 

Nicht zuletzt aufgrund zahlreicher Menschen mit Migrationshintergrund werden wir in Deutschland immer öfter mit der Religion des Islam konfrontiert. Weltweit stellt diese Religion den Hintergrund für viele Vorgänge und Zwischenfälle, oft mit kriegerischem Hintergrund, dar. Demokratische islamische Staaten sind rar.

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Die Ereignisse sind Grund genug für die liberalen Stiftungen, das Spannungsverhältnis zwischen islamischer Auffassung und liberaler Staatsauffassung einer Betrachtung und Diskussion zu unterziehen. Mit Siegfried Herzog konnte ein Referent für einen Vortrag in der Alten Kanzlei in Stuttgart gewonnen werden, der über dieses Thema aus der eigenen Tätigkeit berichten konnte. Herzog studierte in Tübingen und Washington D.C. Schon früh engagierte er sich in der Entwicklungsarbeit und ist seit Jahren für die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Südostasien tätig. Derzeit leitet er das Büro der Stiftung in Bangkok.

 

 

Oftmals herrscht der Eindruck, dass der Islam mit seinem strengen Bezug auf den Koran einer liberalen, westlichen Rechts- und Staatsauffassung entgegensteht. Herzog warf einen Blick auf die Geschichte und schilderte den Islam als Religion, die einen breiten Spielraum für Interpretation zulässt. Der Koran fordert an vielen Stellen beispielsweise ausdrücklich zur Toleranz auf. Diese Haltung spiegelte sich auch in der Politik des bedeutendsten Staates wieder, des osmanischen Reiches. So führte das Land bereits im 19. Jahrhundert ab 1836 moderne Regelungen ein, etwa die Gleichberechtigung der Religionen oder die Abschaffung der Sklaverei. Mit dem Zusammenbruch dieses Reiches ging der Aufstieg einer strengeren, puritanischen Auffassung einher, die zunächst unterdrückt gewesen war: Der wahabitischen Lehre. Sie setzte sich ausgehend von Saudi-Arabien als Religionsauffassung durch, die Stabilität und Macht verhieß. So erklärt sich die heutige Situation und das erklärt das Bild eines fanatischen Islam, wie wir ihn oftmals verstehen.

 

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Die Frage des Umgangs mit dem Islam in unserer Gesellschaft beantwortete Herzog mit konkreten Beispielen. Er plädierte dafür, in guter westlicher Tradition den Einzelnen zu betrachten und nicht in Stereotypen zu versinken. Dazu müssten die Identitäten vielfältig wahrgenommen werden und nicht nur über Religion, Staatsbürgerschaft oder Hautfarbe. Er forderte ganz klar das Primat des Rechtsstaates, das Vorrang vor religiösen Gesetzen haben müsste. Er forderte außerdem eindringlich die Verbesserung des Bildungssystems in Deutschland, um Integration schon in jungen Jahren möglich zu machen. Sein größter Appell war jedoch der nach einem vernünftigen Einwanderungsgesetz, das letztlich Integration verbessern und zielgerichteter gestalten kann.

 

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In der anschließenden Diskussion gab es viel zu besprechen. Immer wieder wurde klar, dass im Spannungsverhältnis Glaube – Gesellschaft viele Bereiche eine Rolle spielen, angefangen von den Bekleidungsvorschriften über Tierschutz bis hin zu gesellschaftlichen Umgangsformen. Eines wurde jedoch deutlich: Wir als offene Gesellschaft müssen uns diesen Fragen stellen, wenn wir den Charakter der Weltoffenheit behalten wollen. Und dazu ist das Wissen der Stiftungsveranstaltung sehr wertvoll.

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Autor:Melanie Kögler