Über den Verfall der deutschen Sprache – Lesung mit dem Autor Andreas Hock

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Zu einem nachdenklichen und unterhaltsamen Abend mit Aha-Erlebnissen lud die Reinhold-Maier-Stiftung ins Stuttgarter Kulturzentrum Merlin. Der Autor und Journalist Andreas Hock las aus seinem Buch „Bin ich denn der Einzigste hier wo Deutsch kann?“, mit dem er lange auf der SPIEGEL-Bestseller-Liste stand.

Andreas Hock bei seiner Lesung im Kulturzentrum Merlin

Gleich zu Beginn machte Hock seine Position klar „Ich bin ein Spießer und ich bin es verdammt gerne“. Durch seine Tätigkeit als Journalist ist er mit der deutschen Sprache und deren Feinheiten vertraut und er nutzte den Abend, um die Gäste auf eine Rundreise über den Niedergang der deutschen Sprache mitzunehmen und für die Beibehaltung der Kultur dieser zu werben.

 

 

Er erinnerte an die Schönheit der deutschen Sprache und die Kraft von Metaphern, die diese anschaulich gestalten, aber heute kaum noch verwendet werden. So habe der deutsche Sprachrat unter dem Vorsitz des Goethe-Instituts den Begriff „Habseligkeiten“ als schönstes deutsches Wort gekürt. Zunehmend verschwänden solche älteren Wörter jedoch aus dem allgemeinen Sprachgebrauch und der Grundwortschatz schrumpfe immer mehr.

Stattdessen werde die Sprache mit Anglizismen überschwemmt – v.a. mit Schein-Anglizismen, die es im Englischen so eigentlich gar nicht gibt. So wurde bei der Fußball-WM in Deutschland der Begriff „Public Viewing“ eingeführt, was jedoch eigentlich für „Tag der offenen Tür“ oder gar „Aufbahrung“ stehe und damit keinerlei Bezug zum kollektiven Fußball-Schauen habe.

Die zahlreichen Gäste im Merlin lauschten Hocks humorvollen Ausführungen

Auch im Berufsleben herrsche albernes Business-Deutsch vor: jeder schmücke seine Berufsbezeichnung gerne durch den Zusatz „Manager“, es werden „Meetings“ statt Besprechungen abgehalten, geschrieben wird auf „Flipcharts“ statt auf Tafeln. Noch vor einigen Jahren habe man im beruflichen Alltag keine „Skills“ benötigt, sondern es kam auf die Fähigkeiten an, so Andreas Hock

Sprachliche Unsinnigkeiten fänden sich auch in die Werbung, wie Hock ausführte. Die Schaufenster-Gestaltung in jeder beliebigen deutschen Fußgängerzone lasse nur schwer erkennen, dass man sich in Deutschland befinde. Der Begriff „Schlussverkauf“ scheine unter Strafe gestellt zu sein, denn es gebe nur noch „Sale“ oder auch „30% off“ auf „Denim“ oder„Casual Wear“.

 

 

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Umfragen hätten zudem ergeben, dass viele Werbeslogans ihre Wirkung komplett verfehlten, da viele potentielle Kunden die Botschaften einfach nicht verstünden. So würden sich bei „Drive the change“, dem Slogan von Renault viele fragen, warum sie Wechselgeld dabei haben sollten oder wer dieser Georg sei, den Jaguar mit „Life by Gorgeous“ meinte. Der Werbespruch „For you vor Ort“ von Schlecker sei ebenfalls ein Negativbeispiel. Die Insolvenz der Drogeriemarktkette sei daher zwar bitter, aber aus sprachlicher Hinsicht gerecht, wie Hock mit einem Augenzwinkern bemerkte.

Die neuen Kommunikationswege über SMS haben laut Hock auch einen großen Teil zum Verfall der deutschen Sprache beigetragen. So hätte die begrenzte Zeichenanzahl dazu geführt, dass „GLG“ ganz liebe Grüße ersetze oder man sich mit „GN8“ eine gute Nacht wünsche. Laut dem Autor ersetzen Textnachrichten oftmals den Teil der Kommunikation, der Mut und Anstand erfordere. So sei es heute bei Jugendlichen üblich, dass man unangenehme Dinge wie das Beenden der Beziehung dem Partner per SMS mitteile. Die Fähigkeit, offen und ehrlich miteinander zu sprechen, gehe so immer mehr verloren.

 

Der Geschäftsführer der Reinhold-Maier-Stiftung, Jochen Merkle, bei seiner Begrüßung

Hock sprach sich dafür aus, selbstbewusster zu sein, was unsere Sprache und Kultur angeht, ohne dabei fremde Kulturen auszuschließen. Ohne Zweifel sei es in der globalisierten Welt auch nicht möglich, auf Fremdsprachen zu verzichten, jedoch sollte dabei auch eine Trennung bestehen und es müsse nicht alles miteinander vermischt werden. So lautete sein Fazit des Abends, dass man ruhig etwas stolzer auf die eigene Sprache sein könne, wenngleich manche Neuerungen auch als Weiterentwicklungen gesehen werden könnten.

 

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Autor:Melanie Kögler