Der Twitter-Präsident – Donald Trump und die Sozialen Medien

Kategorien: Berichte

Nicolas Richter während seines Vortrags in Stuttgart

Nicolas Richter während seines Vortrags in Stuttgart

Im Rahmen zweier Veranstaltungen in Tübingen und Stuttgart stellte Nicolas Richter, Leiter des Ressorts für Investigative Recherchebei der Süddeutschen Zeitung, den eigenwilligen Umgang Donald Trumps mit den Sozialen Medien, genauer vor.

Dass Trumps Art, über die Sozialen Medien Politik zu machen, völlig anders ist als alles, was man zuvor kannte, steht außer Frage. Richter konkretisierte dies in seinem Vortrag und wies vor allem auf den von Hass geprägten Duktus der Äußerungen hin – sei es gegen Obama oder auch gegen die Medien, die er als Feinde des amerikanischen Volkes bezeichnete.

Schon der Wahlkampf sei von einer speziellen Social Media-Strategie begleitet worden, die mit der Präsidentschaft jedoch nicht – wie von vielen erwartet wurde – reduziert, sondern vielmehr sogar intensiviert wurde. Vor allem der Mikroblogging-Dienst Twitter wird dabei intensiv genutzt.

Trump und Twitter seien wie füreinander gemacht, da das Medium es ermögliche, die Debatte mit kurzen Statements zu kontrollieren, ungefiltert zu agieren und damit verbunden eine große Nähe zu den Followern aufzubauen.

Das Publikum lauschte interessiert Richters Ausführungen

Das Publikum lauschte interessiert Richters Ausführungen

Im sonst sehr kontrollierten, disziplinierten und inhaltlich überlegten Politikbetrieb sei das impulsive Vorgehen eher ungewöhnlich und verstörend. Bei Trump wisse man nie, ob Aussagen ernst gemeint oder doch nur Einschüchterungsversuche und Launen seien, so Richter. Trumps Verhalten sollte man jedoch eine Strategie nicht absprechen: er übe Kontrolle über die politische Debatte aus, indem er sie beherrsche. Seine Gegner kommen kaum zu Wort, weil Trump bereits beim nächsten Thema ist, bis diese eine wohlüberlegte Antwort auf das letzte Thema parat hätten. Dass von Trumps Aussagen letztlich nur etwa 15% wahr seien, ändere kaum etwas an der Wirkung, zumal sich bei dem schnellen Wechsel der Themen der Wahrheitsgehalt oft erst später prüfen lasse.

Trumps mediale Strategie berge aber auch den Nachteil, dass die Sehnsucht nach Berechenbarkeit, die in Gesellschaft, aber auch bei den Märkten und Börsen, vorherrscht, nicht erfüllt werden kann und es so zu einer Verschlechterung des politischen Klimas komme. Dabei besteht auch die Gefahr, dass sich die politische Kultur verändert. Viele Amerikaner hätten das Gefühl, in einem Meinungsdiktat zu leben und selbst den Anschluss zu verlieren. Trumps direkte und angreifende Art sowie sein Mangel an Political Correctness werden in diesem Zusammengang als Authentizität verbucht, wodurch er für viele als eine Art Anwalt des Volkes gesehen wird. Trump schafft mit seinem medialen Vorgehen eine eigene Wahrheit, die viele Bürger – auch bedingt durch Informationsbeschaffung über verrufene Sender wie Fox News – nicht in Frage stellen oder in ein richtiges Verhältnis setzen können und wollen.

 

Eine erste Bilanz von Trumps bisheriger Amtszeit falle nicht gut aus, so Nicolas Richter. Während sich Trump bei Twitter als Macher inszeniert, steckt er wie seine Vorgänger in der Realität zumindest bisher in einer Lähmung und hat Schwierigkeiten, seine Vorhaben durchzusetzen. So habe er unter anderem die geplante Gesundheitsreform nicht durchgebracht und auch die Chancen für eine angedachte Steuerreform stünden nicht gut.

In der Diskussion wurde vor allem die Sorge über negative Auswirkungen von Trumps Verhalten und seiner Politik deutlich und es kam die Frage nach Kontrollmechanismen auf. Nicolas Richter betonte, dass sich Trump sowohl dies innerparteilich arrangieren müsse als auch durch Gerichte und Verwaltung an gewisse Regeln gebunden sei.

Richter zeigte anhand von Beispielen Trumps Medienverhalten auf

Richter zeigte anhand von Beispielen Trumps Medienverhalten auf

Durch die von Beginn an geringen Erwartungen an Trump könne man es schon als Happy End werten, wenn während der Amtszeit keine Katastrophe passiere.

Er verwies abschließend auch darauf, dass Trump nicht nur das Problem der Amerikaner, sondern auch unser eigenes sei, indem Trumps Wahlerfolg die Ängste vieler Menschen und damit verbunden die Erfolgsaussichten entsprechender Kandidaten deutlich mache. Gerade vor dem Hintergrund wichtiger Wahlen in Europa in diesem Jahr sei daher ein informierter, kritischer Umgang mit politischen Themen zu wünschen, bei dem Aussagen auch hinterfragt werden.

Artikel teilen:
Autor:Melanie Kögler

Schreib einen Kommentar