Deutsches Rentensystem ist nicht auf die Zukunft ausgerichtet

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Prof. Dr. Jürgen Morlok, Mitglied im Verwaltungsrat der Reinhold-Maier-Stiftung, hielt die Begrüßung

„Warum interessieren sich so wenige Menschen für ihre eigene Altersvorsorge?“, fragte die liberale Reinhold-Maier-Stiftung und die Liberalen Senioren Karlsruhe Ende Mai 2017 bei einer gemeinsamen Veranstaltung im Karlsruher Achat Hotel. „Den heutigen Rentnern geht es im Vergleich zu früher relativ gut und die kommenden Rentenbezieher haben wenig Ahnung, was auf sie zukommt!“, stellte Prof. Dr. Jürgen Morlok, Kuratoriumsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, bewusst provokativ bei seiner Begrüßung fest. Dr. Horst Dilger von den Liberalen Senioren betonte in einem Grußwort, dass vor allem die junge Generation mehr über das Thema Altersvorsorge informiert werden müsse.

 

 

Unter dem Titel „Altersvorsorge und Generationenvertrag: leistungsfähig und enkelfit?“ referierte im Anschluss Dr. Fabian Disselbeck vom Liberalen Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit. In seinem Vortrag ging es um vor allem um die zukünftigen Herausforderungen des deutschen Rentensystems. Zudem nahm  Jochen Haußmann, Vorsitzender der Reinhold-Maier-Stiftung, an der anschließenden Diskussionsrunde teil.

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Dr. Fabian Disselbeck, Referent beim Liberalen Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, während seines Vortrags

Altersarmut sei durchaus ein großes Problem, „aber aktuell nicht das größte“, sagte Disselbeck. Im Vergleich leben zurzeit 3,1 Prozent der Rentner von der Grundsicherung, aber rund neun Prozent der Erwerbstätigen. Wesentlich problematischer sei aber, dass die Generation der „Baby-Boomer“ (die in Deutschland im Zeitraum von 1955 bis 1969 Geborenen) in den kommenden Jahren in Rente ginge und damit die fortschreitende Schieflage der demographischen Entwicklung und des Generationenvertrages massiv auf die Probe gestellt werden würde. Denn 1960 finanzierten noch 5,3 Erwerbstätige einen Rentner, aktuell liegt die Quote bei 2,9, ab 2030 wird es einen Sprung auf ein Verhältnis von 2:1 geben. Der Beitragssatz zur Rente wird dann dementsprechend steigen, das Rentenniveau nach jetzigen Planungen dagegen sinken.

Die Arbeitswelt der Zukunft werde sich aber durch die Digitalisierung, höhere Mobilität und stärkere Flexibilität und damit eine zunehmende Individualisierung verändern, betonte Disselbeck. Ein durch Lohnbeiträge finanziertes Rentensystem werde anachronistisch und in keiner Weise mehr der Lebenswirklichkeit entsprechen, weshalb es zu Reformen kommen müsse.

Fabian Disselbeck ist der Auffassung, dass im Hinblick darauf die Rente ab 63 und die Mütterrente genau die falschen politischen Maßnahmen gewesen sind. „Junge Familien zahlen durch die Beitragserhöhung diese Milliardengeschenke, das ist nicht generationengerecht.“ Besser wäre es für den Wissenschaftler, man würde die steigende Lebenserwartung berücksichtigen und der Nachhaltigkeitsfaktor, der Arbeitnehmer vor zu hohen Abgaben schützt, dürfe nicht zurückgenommen werden. „Die gesetzliche Rente kann deshalb keine alleinige Versicherung sein, es braucht auch eine betriebliche Rente und die private Vorsorge“, stellte Disselbeck dar. Ebenso müsse auch überdacht werden, welche Kosten aus dem Rententopf finanziert werden und welche besser über die Steuer.

Das Rentensystem müsse infolgedessen flexibler werden, fordert Disselbeck: „Den Eckrentner, der 45 Jahre voll bei ein oder zwei Arbeitgebern arbeitet, den gibt es so nicht mehr.“ Die liberale Antwort sei, dass das Renteneintrittsalter flexibel bleibt, in Rente könne gehen, wer mehr als die Grundsicherung vorweisen könne. Private Vorsorge müsse sich ebenso wieder lohnen und vor zu hohen Abgaben geschützt werden, flexible Anlagevorgaben könnten helfen am Kapitalmarkt bessere Renditen zu erzielen.

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Jochen Haußmann MdL, Vorsitzender des Verwaltungsrats der Reinhold-Maier-Stiftung

In der anschließenden Diskussion stellte Jochen Haußmann die Struktur des Rentensystems nicht in Frage, forderte aber Korrekturen: „Wir haben kein Erkenntnisproblem, aber wir müssen die politische Verantwortung übernehmen. Man kann das Rentensystem nicht alleine betrachten, wichtig ist vor allem eine gute Bildung, denn das beste Kapital sind qualifizierte junge Menschen.“ Ein Rentensystem des 21. Jahrhunderts müsse gebrochene, nicht lineare Lebensverläufe berücksichtigen und auf Einzelpersonen ausgerichtet sein. Deshalb forderten die Freien Demokraten einen flexiblen Renteneintritt mit versicherungsmathematisch korrekten Zu- und Abschlägen ab 60 Jahren und die Aufhebung aller Hinzuverdienstgrenzen neben dem Rentenbezug. Eine „Schuldenbremse 2.0“ müsse auch die Sozialversicherungskassen schützen. Besonders wichtig ist Haußmann ebenso, dass es einen Freibetrag für Einkommen aus privater und betrieblicher Altersvorsorge bei der Grundsicherung im Alter gibt.

 

Insgesamt brachte die Diskussionsrunde eindrucksvoll die hohe sozialpolitische Relevanz der Altersvorsorge und des Generationenvertrags zum Ausdruck. Ganz im Sinne der Reinhold-Maier-Stiftung und der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, insbesondere der heranwachsenden Generation, Wissen im Sinne liberaler Grundhaltung sowie vor allem demokratische und generationenübergreifende Grundlagen in der Politik zu vermitteln.

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v.l.n.r.: Dr. Christian Jung (Forenleiter der Reinhold-Maier-Stiftung), Prof. Dr. Jürgen Morlok, Dr. Fabian Disselbeck, Jochen Haußmann MdL

 

Bericht geschrieben von Catherine Busalt

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Autor:Melanie Kögler