Perspektiven für die europäische Wirtschaftspolitik – Interview mit dem ifo-Präsidenten Clemens Fuest

Kategorien: Berichte

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Perspektiven für eine gemeinsame europäische Wirtschaftspolitik diskutierten kürzlich in Karlsruhe der Präsident des ifo-Instituts – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München, Clemens Fuest, sowie der Europaabgeordnete Michael Theurer mit dem Vorsitzenden des Kuratoriums der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit, Jürgen Morlok.

Die Referenten betonten, dass es sich bei der gegenwärtigen Krise nicht um ein Versagen der EU, sondern der einzelnen Mitgliedsstaaten handele. Problematisch sei laut Fuest die Tendenz der EU, alles an sich zu ziehen und eine Art Helferkomplex zu entwickeln, wodurch letztlich aber Enttäuschung entstehe. Dies mache es Populisten leicht.

 

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Michael Theurer betonte, dass man die Währungsunion nicht aufs Spiel setzen dürfe. Trotz unterschiedlicher Interessen innerhalb der EU sei es vor allem wichtig, nicht nur aufzuzeigen, was nicht funktioniere und wo Probleme bestünden, sondern man müsse zugleich auch gemeinsame Wege finde, bestehende Schwierigkeiten ohne größere politische und wirtschaftliche Verwerfungen zu lösen.

 

 

 

Wir sprachen im Rahmen der Veranstaltung mit Clemens Fuest über mögliche Perspektiven der europäischen Wirtschafts- und Finanzpolitik.

 

P1000996Herr Professor Fuest, welche Auswirkungen sehen Sie bei einem geordneten Brexit für die deutsche Exportwirtschaft?

Der britische Markt ist der drittwichtigste Exportmarkt für Deutschland. Wenn der Handel wirklich ernsthaft unterbrochen würde, dann könnte das in Deutschland viele Arbeitsplätze kosten. Man kann aber hoffen, dass es so schlimm nicht kommt, wahrscheinlich werden die Handelskosten etwas zunehmen und das Handelsvolumen wird entsprechend sinken, aber das ist verkraftbar.

 

Vor dem Hintergrund unterschiedlicher Positionen wie der von Emmanuel Macron vorgeschlagenen Vergemeinschaftung der Staatsschulden der EU-Länder einerseits und der deutschen „Sparpolitik“ andererseits: Welche finanzpolitische Ausrichtung wird sich Ihrer Einschätzung nach durchsetzen oder wo läge ein wahrscheinlicher Kompromiss?

Es wird Kompromisse geben. Allerdings ist es wichtig, dass Deutschland die stabilitätsorientierte Geld- und Finanzpolitik  entschieden verteidigt. Da in der Eurozone Möglichkeiten bestehen, die Kosten von Staatsschulden auf andere Länder abzuwälzen, ist die Versuchung für jedes einzelne Land groß, sich stärker zu verschulden als für die Währungsunion insgesamt gut ist.

Angesichts des neuen Isolationismus der USA unter Donald Trump und Chinas Bemühen um eine vertiefte Partnerschaft mit Deutschland, vor allem mit dem Bekenntnis zum Freihandel: Wie bewerten Sie die längerfristige Entwicklung und das Entstehen neuer Konstellationen innerhalb der Weltwirtschaft und welche Auswirkungen auf die europäische Wirtschaft kann es dabei geben?

Wenn Europa oder Deutschland mehr Kontakte nach China sucht, finde ich das gut. Man sollte sich aber nicht der Illusion hingeben, China könnten die USA als Handelspartner oder als Verbündeter ersetzen. Die USA sind und bleiben der wichtigste sicherheitspolitische und wirtschaftliche Partner für Europa und das wird auch noch lange der Fall sein, wenn Donald Trump schon nicht mehr Präsident ist. Ich glaube, es wäre ein Fehler, diese Beziehungen jetzt an der Person Trump auszurichten.

 

 

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Autor:Melanie Kögler