„Demokratie will gelernt sein“ – Enkel von Theodor Heuss und Reinhold Maier diskutieren bei Jubiläumsveranstaltung der Reinhold-Maier-Stiftung über die Bedeutung politischer Stiftungen

Kategorien: Berichte

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Jochen Haußmann diskutierte mit Ludwig Theodor Heuss und Christoph Daniel Maier

40 Jahre ist es her, dass die Reinhold-Maier-Stiftung anlässlich des 25. Landesjubiläums des Landes Baden-Württemberg gegründet wurde. Vier Jahrzehnte erfolgreiche Bildungsarbeit in der Tradition des südwestdeutschen Liberalismus waren ein Grund zu feiern. Der heutige Vorsitzende der Reinhold-Maier-Stiftung, der Landtagsabgeordnete Jochen Haußmann, betonte in seiner Einführung, dass es sich bei der Jubiläumsveranstaltung in Schorndorf- dem Geburtsort Reinhold Maiers – nicht nur um eine Rückschau, sondern auch um einen Ausblick handeln solle. Dazu wurde eine ganz besondere Konstellation gewählt: die Enkel der beiden Personen, die, so Haußmann, „die Bundesrepublik sowie unser Bundesland in der Phase der Aufbaus nach Weltkrieg und NS-Diktatur entscheidend geprägt haben und zugleich den Südwest-Liberalismus geradezu idealtypisch verkörpert haben“ – Theodor Heuss und Reinhold Maier. So diskutierten Prof. Ludwig Theodor Heuss und Christoph Daniel Maier gemeinsam über die Bedeutung politischer Bildung für Demokratie und offene Gesellschaften – eine schöne Hommage an die enge, weit über das Politische hinausgehende Freundschaft ihrer Großväter.

 

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Der Vorsitzende der Reinhold-Maier-Stiftung, Jochen Haußmann MdL, führte in die Veranstaltung ein

Jochen Haußmann erinnerte an Theodor Heuss‘ berühmtes Zitat, Demokratie sei keine Glücksversicherung, sondern das Ergebnis politischer Bildung und demokratischer Gesinnung – dies sei eine bis heute wirkende Triebfeder politischer Bildung.

„Demokratie will gelernt sein“, so Haußmann weiter. Sie trage dazu bei, „dass die Verfassung der Bundesrepublik mit Leben gefüllt wird. Denn sie vermittelt demokratische Grundwerte wie Verantwortungsübernahme für sich und andere, gesellschaftliche Solidarität, Fairness, Zivilcourage und Toleranz gegenüber anderen Meinungen. Sie spiegelt die Pluralität gesellschaftlicher Strömungen und politischer Meinungen wider und vermittelt so auch die Prinzipien einer demokratischen Streitkultur“. Zudem ermögliche sie den „öffentlichen Diskurs zwischen Politik, Wissenschaft und Gesellschaft über die Weiterentwicklung unserer Demokratie und die Gestaltung unseres Gemeinwesens im digitalen Zeitalter“.

Politische Bildung habe nicht nur bereits viel erreicht, sondern sei auch in Zukunft unabdingbar. Heute sei sie wichtiger denn je, da pluralistische Demokratien inzwischen immer häufiger unter Druck stünden – beispielsweise durch Populisten, so Haußmann. Es müsse daher ein Beitrag dazu geleistet werden, dass aus dem Bürger ein echter Staatsbürger wird, ein homo politicus und Citoyen, der seine Fähigkeiten einsetzt, um Freiheit und demokratische Verhältnisse in Staat und Gesellschaft zu erhalten oder dahingehend zu beeinflussen“.

Wichtig für die Stabilität unserer Demokratie sei vor allem die zivilgesellschaftliche Komponente und das bürgerschaftliche Engagement. Wie man dies erreichen kann, stand dann im Zentrum der gemeinsamen Diskussion.

 

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Ludwig Theodor Heuss

Als ein Ziel politischer Stiftungen identifizierte Ludwig Theodor Heuss, Begegnungen zu schaffen und Menschen mit gemeinsamen Ideen zusammenzubringen – etwas, was bei der Veranstaltung offenbar gelungen sei, wie die große Teilnehmerzahl eindrücklich zeige. Jedoch stelle die aktuelle Zeit besondere Anforderungen an die politische Bildungsarbeit. Aktuell leben wir in einer Zeit der Umbrüche, die durch drei große Krisen bestimmt sei, so Heuss: die der Demokratie, der Marktwirtschaft und der Werte. Um diesen Krisen entgegenzutreten, brauche es politische Bildung, die man jedoch stetig in Hinblick auf die Aktualität überdenken müsse: „ Die Aufgabe, die liberale Stiftungen haben, ist es, liberale Gedanken in die Gegenwart zu übersetzen und hineinzutragen in die gesellschaftlichen Milieus, um dort einen neuen Kristallisationskern zu schaffen. Liberales Denken ist keine festgefahrene Ideologie, die rückwärts gewandt ist, sondern es ist letztlich das Modernste, was es gibt: Man versucht ergebnisoffen nüchtern die Realität zu betrachten und den Wettbewerb der Ideen neu zu denken. Dafür braucht es politische Bildungsarbeit“.

Reinhold Maiers Enkel betonte, dass es entscheidend sei, sich einzubringen und sich selbst als Teil der Gemeinschaft zu verstehen. Der Staat bilde lediglich den Rahmen zur Selbstverwirklichung des Einzelnen, so Christoph Daniel Maier, der in Basel als Advokat und Notar arbeitet. Es sei wichtig, das Erbe der Gründerväter gegen Populisten zu verteidigen. Den dort angebotenen Verführungen dürfe man nicht erliegen. Viel gewinnbringender sei es, sich selbst als Teil der Gesellschaft zu verstehen. Reinhold Maiers Gedanke der Graswurzeldemokratie hat dabei für seinen Enkel auch heute noch höchste Aktualität. Immer noch fange die Demokratie an der Basis an: „Demokratie bedeutet jedes Engagement in der Gesellschaft, ganz im Kleinen in Vereinen, im Bürgerkomitee oder in der Nachbarschaftshilfe“, so Maier. Denn „wer verstanden hat, wie Meinungsbildung zustande kommt oder dass man sich Mehrheitsbildung beugen muss, versteht auch, dass sich im Parlament nicht immer die eigene Meinung durchsetzt und dennoch „die da oben“ nicht machen, was sie wollen“. Freiheit entstehe dort, wo das eigene Engagement möglich sei, schloss Maier.

 

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Christoph Daniel Maier mit der Uhr, mit der sein Großvater am 25. April 1952 um 12.30 Uhr die Gründung des Südweststaates verkündete

Heuss und Maier waren sich einig, dass eben dieses Selbstverständnis, Teil der Gesellschaft zu sein und ein Einbringen für wichtig zu erachten, entscheidend sei. Politische Bildungsarbeit kann zu dieser Politisierung beitragen, muss jedoch auch neue, an die Zeit angepasste Wege finden, die über klassische Veranstaltungen hinausgehen, um sicherzustellen, dass mehr Menschen erreicht werden. Es liege eine große Aufgabe vor uns, betonte Heuss, und politische Stiftungen müssen Wege finden, sich diesen Anforderungen zeitgemäß zu stellen.

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Autor:Melanie Kögler