Verfolgt, versteckt, erwacht, erlebt – Schwules Leben und geschlechtliche Identität in Stuttgart im Wandel der Jahrzehnte

Kategorien: Berichte

Führung durch das Hotel Silber

2019 jähren sich die „Stonewall Inn Riots“, der Protest Homosexueller in New York gegen permanente Repression durch die Polizei, zum 50. Mal. Diskriminierung aufgrund des Geschlechts, der eigenen Geschlechtsdefinition oder der Sexualität hat eine lange Geschichte, auch bei uns. Homosexualität war bis in die 90er Jahre in der Bundesrepublik kriminalisiert. Die Strafverfolgungspraxis aufgrund des Paragrafen 175 durchzieht die deutsche Geschichte und hatte ihre finsterste Zeit während der Nazidiktatur, als Homosexuelle verfolgt, inhaftiert und getötet wurden.

Eine Woche vor dem alljährlichen fröhlichen und bunten CSD-Wochenende in Stuttgart hat die Reinhold-Maier-Stiftung mit einer Veranstaltung an die Zeiten zu erinnert, in denen Repression durch Staat und Gesellschaft für viele Menschen auf der Tagesordnung stand.

 

 

Die Veranstaltung begann mit einer thematischen Führung im Gedenkort „Hotel Silber“, die als ehemalige Polizei- und Gestapozentrale für Stuttgart und Württemberg seine Geschichte in einer Ausstellung präsentiert. Ralf Bogen, der Experte der Geschichte der Ausgrenzung und Verfolgung homosexueller Männer in Baden-Württemberg ist, führte thematisch durch die beeindruckende Ausstellung. Er schilderte den Repressionsapparat, die rechtlichen Grundlagen und die Instrumente der Überwachung und Verfolgung. Gleichzeitig verdeutlichte er in ergreifender Weise Einzelschicksale homosexueller Männer, die unter Gefängnisstrafen und KZ genauso leiden mussten wie unter gesellschaftlicher Ächtung. Diese Zeit endete in ihrer Lebensbedrohung zwar mit dem Ende der Naziherrschaft, die Strafverfolgung und Verfolgung ging aber in der Bundesrepublik weiter und wurde erst Ende der 60er Jahre Stück für Stück entkriminalisiert und abgemildert. Bogen schilderte aber auch Freundeskreise, die sich zum Teil schon seit den Tagen der Weimarer Republik als solidarische Gruppen trafen und Menschen halfen, dem allfälligen Repressionsapparat nicht schutzlos ausgeliefert zu sein.

 

Armin Serwani im Gespräch mit Chris Fleischhauer

 

Den Blick ins Stuttgart der vergangenen Jahrzehnte richtete anschließend ein Zeitzeuge. Armin Serwani, liberaler Kommunalpolitiker und im Beruf Fahrdienstleiter im Stuttgarter Hauptbahnhof, schilderte seine eigene Geschichte und Erfahrungen als offen schwul lebender Mann in Stuttgart seit den 70er Jahren. Moderiert von dem bekannten Journalisten Chris Fleischhauer brachte er viele Aspekte ein, die für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer interessant waren. Begonnen von seinem eigenen Coming Out über den Umgang der Stuttgarter Stadtgesellschaft mit Homosexuellen in den vergangenen Jahrzehnten schilderte er sein interessantes Leben, zu dem viel Selbstbehauptung, Emanzipation von gesellschaftlichen Zwängen, aber auch der permanente Kampf um die eigene Freiheit gehören. Serwani war bei verschiedenen Hilfsorganisationen für Homosexuelle in Stuttgart dabei und half auch, einige ins Leben zu rufen. Er erinnerte beispielsweise an das Aufkommen von AIDS, das für die Homosexuellen nach der anfänglichen zunehmenden Akzeptanz in den 70er Jahren ein herber Rückschlag war und diese regelrecht stigmatisierte, als das Wort von der „Schwulenseuche“ die Runde machte.

Trotz aller Repressionen gab es in Stuttgart schon immer Männer und Frauen, die ihr LSBTI-Leben führen wollten und führten. Diese Veranstaltung erinnerte in beeindruckender Weise daran, dass aller Diskriminierung und Unterdrückung auch immer der große Wille und das Selbstbewusstsein gegenüberstanden, das Leben in allen Bereichen selbst gestalten zu können.

 

 

Bericht von Dr. Jan Havlik, Programmmanager Region Stuttgart, Reinhold-Maier-Stiftung

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Autor:Melanie Kögler